Reinhard Peukert: Einführung in die Gemeindepsychiatrie II
 
     
 

"Gemeindenahe Psychiatrie"

Das Begriffspaar "Sozialpsychiatrie" und "Gemeindenahe Psychiatrie"

 

In Deutschland hatte sich zunächst ein Begriffspaar etabliert, in dem diese Einheit aufgebrochen schien: Sozialpsychiatrie und Gemeindenahe Psychiatrie.

"Gemeindenahe Psychiatrie"

ist heute überholt, da zu unspezifisch: alle konnten sich hinter dem Banner "Gemeindenahe Psychiatrie" versammeln, - unabhängig davon, wie sie sich die Behandlung und Betreuung der psychisch kranken Menschen konkret vorstellten, wünschten oder durchführten.
"Gemeindenah" wurde die Psychiatrie nicht allein schon dadurch, daß die Klinkbetten nicht 10, 20 oder 30 km oder gar hunderte von Kilometern von den Wohnorten ihrer Patienten entfernt waren.
Die angesprochene Verwässerung des Begriffs war ein Ergebnis seiner Verwendung, denn ursprünglich hatte er eine ganz konkrete Bedeutung.
Er wurde erstmals in der Enquête verwendet:
"Alle Dienste, bei denen dies nur möglich ist, sollen gemeindenah eingerichtet werden" (Punkt 5 der Grundsätze der Enquête, S. 189)
Dort war dieser Begriff eingebettet in acht weitere Grundsätze, die gemeinsam "Bedeutung und Geist" der Enquéte ausmachen: [Ergänzende Informationen]

Der Begriff "Gemeindenahe Psychiatrie" wurde eingeführt mit der Psychiatrie-Enquête, dem "Bericht zur Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland - Zur psychiatrischen und psychotherapeutisch/psychosomatischen Versorgung der Bevölkerung" vom 25. November 1975 - dem Dokument, das gemeinhin als der Startschuß zur Veränderung der Nachkriegspsychiatrie in Deutschland gilt.

Nachdem es im Anschluß an die systematische Ermordung auch der psychisch kranken Menschen unter dem Nationalsozialismus in Deutschland um die Psychiatrie gesellschaftlich still geworden war meldeten sich zunächst junge Psychiater im Jahre 1965 mit der Heidelberger Denkschrift zu Wort, "die von einem nationalen Notstand sprach und damals schon alle wesentlichen Forderungen formulierte, die zehn Jahre später in der Psychiatrie-Enquête des Deutschen Bundestages ihren Niederschlag fanden" (Häfner in APK Band 27, S. 85); für den Beginn der Reform war aber das Jahr 1970 entscheidend:

  • Es fand eine vielbeachtete Psychiatrietagung in Loccum statt,
  • in Heidelberg wurde das Sozialistische Patientenkollektiv gegründet, eine sich revolutionär verstehende Gruppe, die mit psychisch Kranken die Gesellschaft verändern wollte (Kapitalismus macht krank, Freiheit heilt) (Basisgruppe Medizin, Gießen 1972 a und 1972 b);
  • es traf sich der erste Mannheimer Kreis, aus dem die DGSP hervorging,
  • die DGSP (Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie) wurde gegründet
  • und in diesem Jahr erfolgte der Antrag des Abg. Picard (CDU) zur Einrichtung der Enquêtekommission,
  • die im Jahr 1971 ihre Arbeit aufnahm und die - von der kurz zuvor gegründeten Aktion Psychisch Kranke koordiniert - im Jahre 1975 ihre Ergebnisse vorlegte.

Die vier Hauptempfehlungen der Psychiatrie-Enquete

 

Die vier Hauptempfehlungen der Psychiatrie-Enquete stellen noch heute die nach wie vor bestehenden Anforderungen an eine angemessene psychiatrische Versorgung dar:

  • gemeindenahe Versorgung,
  • bedarfsgerechte und umfassende Versorgung aller psychisch Kranken und Behinderten,
  • Koordination aller Versorgungsdienste,
  • Gleichstellung von psychisch und somatisch Kranken.

Heinz Häfner, stellvertretender Vorsitzender der Enquète-Kommission, betont:
"Die Empfehlungen (der Enquete, Anmerkung des Verfassers) sind als Leitlinien des Kernbereichs der psychiatrischen Versorgung und ihrer rechtlichen Rahmenbedingungen heute noch gültig." - und er zählt 6 Prioritäten auf:
"In Gestalt von Prioritäten dargestellt, lauten sie:

  • Auf- und Ausbau eines bedarfsgerechten, gemeindenahen Versorgungssystems mit ambulanten und komplementären Diensten,
  • Koordination und Zusammenarbeit innerhalb der Versorgungssysteme und Standardversorgungsgebiete,
  • Aus- und Aufbau ambulanter Dienste und psychiatrischer Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern,
  • Förderung der Aus-, Weiter- und Fortbildung,
  • vorrangige Verbesserung der Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher und Alkohol- und Suchtkranker,
  • Gleichstellung körperlich und seelisch Kranker in rechtlicher, finanzieller und sozialer Hinsicht."

(Häfner in: APK Band 27, S. 96)


"SOZIALPSYCHIATRIE"  

ist ein auch heute noch viel verwendetes Etikett, obwohl es nach wie vor an einer Geschichte der Sozialpsychiatrie, seiner Wurzeln und Spielarten fehlt. (Haselbeck in: Finzen u.a. 1995, S. 166)

Es ist wieder das Jahr 1970, in dem Klaus Dörner auf dem sozialpsychiatrischen Kongress in der Psychiatrischen Klinik der Universität Hamburg in neun Punkten Elemente einer "kritischen Sozialpsychiatrie" benennt und zusammen fasst:
"Sozialpsychiatrie stellt als empirische Wissenschaft, als therapeutische Praxis und als soziale Bewegung den Versuch der Rückbeziehung auf und die Integration der psychischen Leiden in ihre soziale Realität dar ..."

  1. Gemeindepsychiatrie ist orientiert an der Chancengleichheit aller Angehörigen einer Gesellschaft
  2. Sozialpsychiatrie kann sich auf den vorherrschenden (biologisch-wissenschaftlich geprägten) Krankheitsbegriff nicht mehr stützen
  3. Psychiatrische Diagnosen seien ebenso wie der Akt des Diagnostizierens in ihrer bisherigen Form nicht mehr akzeptabel.
  4. Sozialpsychiatrie behaupte keineswegs die soziale Verursachung eines psychischen Leidens, sondern bemühe sich um die Berücksichtigung der gesamten Bedingungskonstellationen des Leidens.
  5. Sozialpsychiatrische Hilfen sollten nicht mehr Zwang, sondern Solidarität mit dem psychisch Leidenden zur Grundlage haben.
  6. Die "Therapeutische Kette" gilt als Alternative zur institutionellen Instanzenzerstückelung der Patienten.
  7. Betonung der Bedeutung des therapeutischen Teams für die Behandlung (therapeutische Gemeinschaft)
  8. Psychiatrisches Handeln habe sich an Realitäten ebenso wie an Prävention zu orientieren.
  9. Zusammenfassend heißt es, "Sozialpsychiatrie stellt als empirische Wissenschaft, als therapeutische Praxis und als soziale Bewegung den Versuch der Rückbeziehung auf und die Integration der psychisch Leienden in ihre soziale Realität dar..."

(aus: Haselbeck in: Strotzka 1995, S. 168)

Als erstes der neun Elemente wird benannt:
"Sozialpsychiatrie ist orientiert an der Chancengleichheit aller Angehörigen einer Gesellschaft".
Damit ist in gewisser Weise der Anschluss an die Demokratische Psychiatrie hergestellt - allerdings ohne die Übernahme der dort mitgedachten Hoffnung, durch die Entlassung der Irren in die Gemeinden ihrer Herkunftsregionen eine Konfrontation mit den sozialen Entstehungsprozessen der Krankheit zu provozieren und dies zum Ausgangspunkt grundlegenderer Auseinandersetzungen mit der vorherrschenden Gesellschaftsform zu machen.
Diesen Aspekt der Demokratischen Psychiatrie in Deutschland zu repräsentieren fällt dem Sozialistischen Patientenkollektiv zu, das sich - anders als die Bewegung in Italien - extrem radikalisierte und schließlich kriminalisiert wurde.

Seit kurzem liegt ein biographischer Bericht vor, in dem aus der subjektiven Perspektive des Teilnehmers Erich Wulff der historische Kongress in den Kontext der Entwicklung bis zur Enquète gestellt wird; in selbstdistanzierender Weise zur eigenen Biographie tritt er als "Adalbert" auf - sein zweiter Vorname. [Ergänzende Informationen]

In der Schweiz gilt seit 1992 als offiziell gültige Definition der Schweizerischen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie:
"Sozialpsychiatrie ist derjenige Bereich der Psychiatrie, der psychisch kranke Menschen in und mit ihrem sozialen Umfeld zu verstehen und zu behandeln sucht.
Sie studiert die Wechselwirkungen zwischen sozialen, psychologischen und biologischen Faktoren und bezieht Familie, Wohn- oder Arbeitssituation gezielt in die Prävention und Behandlung psychischer Störungen mit ein".
[Ergänzende Informationen]

Mit dieser Definition ist "Sozialpsychiatrie" aller politischen Inhalte, die noch bei Dörner zu finden waren, entkleidet - wie z.B. der Orientierung an der Chancengleichheit aller Angehörigen einer Gesellschaft.