Reinhard Peukert:
 
     
   

 

Gemeindepsychiatrie [5]

 
 

Positive Strukturveränderungen seit der Enquete -
oder: Strukturqualität TOP, Prozessqualität FLOP?

         

 

 

In der Bewertung der Strukturveränderungen seit der Enquete sind sich alle einig:
"Es sind wirksame, sichtbare und irreversible Veränderungen..." geschaffen worden - so der Staatssekretär Jordan in seinem Grußwort für das BMG zur Tagung "25 Jahre Enquete" (Jordan in: APK Band 27, S. 64); er fragt sich aber zugleich, "inwieweit wir unser Ziel erreichen".

"Es geht ... in erster Linie darum, die Hilfen in einer koordinierten, integrierten und aufeinander abgestimmten, am individuellen Bedarf orientierten Form möglich zu machen. Aus meiner Sicht ist primär die Verbesserung von system-übergreifender Kooperation und Koordination zu fördern." (Jordan in: APK Band 27, S. 66)

Detlev Chrustz vom Bundesverband der Betriebskrankenkassen wird bei der gleichen Veranstaltung deutlicher:
"Jetzt gilt es, Hemmnisse und Egoismen von Leistungsträgern und -erbringern abzubauen, um zu kooperierenden und integrierenden Strukturen zu kommen. Dabei ist jetzt weniger der Gesetzgeber gefragt als die Bereitschaft der einzelnen Akteure des Gesundheitssystems, an einer auf Kooperation ausgerichteten Versorgungsstruktur mitzuwirken." (Chrustz in: APK Band 27, S., 281)

Die Opfer dieser Situation bleiben die chronisch psychisch kranken Menschen.
"Der enorme Erkenntniszuwachs der Psychiatrie ist unzureichend umgesetzt ...
Die heute noch vernachlässigten Gruppen von chronisch psychisch Kranken beschweren sich nicht vernehmbar, sie leben jetzt weit verstreut und nicht mehr wie früher sichtbar konzentriert in Langzeitbereichen Psychiatrischer Krankenhäuser." (Kunze in APK Band 27, S. 103).

Die chronisch psychisch kranken Menschen haben sich selbst niemals "vernehmbar beschweren" können.
Diese Funktion wird allerdings mehr und mehr von den Angehörigen übernommen, die sich vor mehr als 20 Jahren im Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker organisiert haben (siehe z.B. Peukert, in: Dierks 2001).
"Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir Angehörigen und einige Betroffene die einzigen sind, die diese Wirklichkeit nicht nur kennen, sondern immer wieder versuchen, sie publik zu machen. Denn nur für uns ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Prinzipien der Psychiatrie-Reform tatsächlich praktiziert werden", so der Bundesvorsitzende des Angehörigenverbandes, Dr. Speidel bei der gleichen Veranstaltung (Speidel in: APK Band 27, S. 250)
"Auf dem Hintergrund der allgemeinen Selbsthilfebewegung hat sich im Rahmen der ... Angehörigenselbsthilfeorganisationen ein neuer Typ Angehöriger gebildet, dem die Passivität und Verzagtheit der "alten" Angehörigen zunehmend abgeht". (Katschnik und Konieczna 1985, S. 203)

Pörksen sieht weitere "Eintrübungen":
"Regionale Unterschiede in den Versorgungsstandards und die weiterhin vorrangige Belastung der Sozialhilfe vor der Sozialversicherung.- vor allem in den Bereichen Eingliederungshilfe und Rehabilitation - trüben das im übrigen positive Bild der Gesamtentwicklung." (Pörksen in: APK Band 27, S. 52)

Wienberg bringt die Disparität in der Entwicklung auf das Begriffspaar Struktur- und Prozessqualität.
"Bei der Strukturqualität der psychiatrischen Versorgung hat es in den 25 Jahren nach der Enquete alles in allem einen Quantensprung gegeben, wenn auch noch immer mit auffälligen regionalen Unterschieden. Aber wie sieht es mit der Prozessqualität aus? Was geschieht in (alten und neuen) psychiatrischen Einrichtungen und Diensten zwischen Patientinnen/Klientinnen, psychiatrischen Professionellen und Angehörigen? Von welcher Qualität sind die (Be-)Handlungs- und Hilfekonzepte? Und vor allem: Wie sieht es mit der Kooperations- und Beziehungsqualität aus?" (Wienberg in: APK Band 27, S. 183)

Wienberg ist der Hinweis zu danken, dass dort, wo es zu einer neuen Beziehungsqualität und Rollenverteilung gekommen ist "... wir uns (dies) nicht von allein, aus freien Stücken verordnet (haben), sondern wir mussten dazu herausgefordert und müssen weiterhin dabei gefordert werden." (Wienberg in: APK Band 27, S. 187).

den kompletten Text des Wienberg-Artikels lesen Sie im Anschluss.