Reinhard Peukert:
 
     
   

 

 Gemeindepsychiatrie [4]

 
 

Der "Ertrag" von Enquete und Bericht der Expertenkommission

   

 

Die Wurzeln für das heute gültige Verständnis von Gemeinde-psychiatrie  

Bevor der derzeitig letzte und dritte große Schritt in der Psychiatrie-Reform vorgestellt wird soll der bisherige "Ertrag" für die für Gemeindepsychiatrie gesichert werden.

Folgende Wurzeln können für das HEUTE GÜLTIGE VERSTÄNDNIS VON GEMEINDEPSYCHIATRIE festgehalten werden:

  1. Die Betonung der kommunalen Verantwortung in der kurzen Tradition der Kommunalen Psychiatrie ist heute als Versorgungsverpflichtung aller an der Hilfeerbringung Beteiligten, eine der wesentlichen und unbezweifelten Bedingung von Gemeindepsychiatrie;
  2. die Forderung nach einer unbedingten Steuerungsfunktion der Kommunen wurde weitgehend "aufgelöst" in die Forderung nach der Etablierung von Gemeindepsychiatrischen Verbünden, in denen sich alle an der regionalen Versorgung Beteiligten um einen abgestimmten Prozess der Bereitstellung und Steuerung der Hilfen bemühen und so gemeinsam als Verbund die Versorgungsverpflichtung einlösen (können);
  3. aus den Forschungs- und Diskussionszusammenhängen der fortdauernden Sozialpsychiatrie-Tradition ist die Hervorhebung von sozialen Prozessen bei der Diagnose und Behandlung psychischer Erkrankungen nicht mehr wegzudenken; genauer gesagt: deren Bedeutung erweist sich als zunehmend wichtiger;
  4. mit der Tradition der Demokratischen Psychiatrie konvergiert die gleichberechtigte Beteiligung Aller sowohl auf der Planungsebene (in Beiräten), als auch im Versorgungsalltag - über die unbedingte Einbeziehung von Angehörigen und die Orientierung der Hilfeplanungen an den Wünschen und Bedürfnissen der psychisch kranken Menschen selbst;
  5. aus der gemeindepsychiatrischen Umorientierung von der Enquete zum Expertenbericht resultieren zusätzlich:
    - die Orientierung am alltäglichen Leben der psychisch kranken Menschen
    - sowie die Betonung der Funktionen anstatt der Orte der Hilfeerbringung, wie es in der Aufzählung der Institutionen eines Standardversorgungsgebietes in der Enquete zum Ausdruck kommt.

Ergänzungen zu 1.:
Kulenkampff sieht in der Versorgungsverantwortung des kommunalen Bereichs das im internationalen Vergleich spezifische für die Entwicklung von der Enquete zum Expertenbericht:
"Der Empfehlungsband sieht sich als Fortschreibung des Enquête-Berichtes unter Berücksichtigung der Ergebnisse des Modellprogramms. Er liegt im internationalen Trend, bringt aber dort eigene Vorstellungen ein, wo der Schwerpunkt auf die Versorgungsverantwortung im kommunalen Bereich gelegt wird." (Kulenkampff in: APK 27, S. 42)

Ergänzung zu 2.:
Ein Verbund ist der zielgerichtete Zusammenschluß, der Folgendes sichern soll: "... ein abgestimmtes, aufeinander bezogenes, ressourcen-schonendes, Über- und Unterversorgung vermeidendes personenzentriertes Hilfesystem für alle psychisch kranken Menschen ..." (Schleuning in: APK 27, S. 248; zum Verbund siehe auch am Ende dieses Kapitels.)

Ergänzungen zu 4.:
Hier kann bestenfalls von konvergierenden Prozessen gesprochen werden, denn die gleichberechtigte Einbeziehung der psychisch kranken Menschen sowie ihrer Angehörigen resultiert in Deutschland aus zwei nationalen "Bewegungen", und nicht aus einer auf nationale Verhältnisse angepaßten Adaptation von Prinzipien der Demokratischen Psychiatrie Italiens.
Die gleichberechtigte Beteiligung ist Ergebnis der Organisation der Angehörigen und der psychisch kranken Menschen, der "Psychiatrie-Erfahrenen", in eigenständigen Verbänden (z.B. Psychiatrie-Netz ) und deren Kampf um Akzeptanz und Einbeziehung - dies ist die eine Bewegung, die selbst aus zweien besteht.
Die andere Bewegung sind die Psychose-Seminare, in denen sich Psychiatrie-Erfahrene, Angehörige und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der (Gemeinde-)Psychiatrie außerhalb von Betreuungs- und Behandlungsverhältnissen treffen, um "auf gleicher Augenhöhe" alle mit Psychosen zusammenhängende Erfahrungen voneinander lernend zu besprechen. (siehe z.B. Psychiatrie-Netz )
Dassdie Ansprüche der Verbände und die wechselseitigen Lernerfahrungen der Psychose-Seminare als Beteiligung in Beiräten und im psychiatrischen Alltag wirksam werden konnten resultiert auch aus dem sozialpsychiatrischen Wissen, wonach eine von allen Beteiligten möglichst gewünschte, zumindest akzeptierte Hilfe hilfreicher ist - im Sinne von effektiver und effizienter - als eine "Verordnung", wie richtig diese auch immer sei.

Ergänzungen zu 5.:
In der Orientierung am alltäglichen Leben werden die psychisch kranken und behinderten Menschen als Bürger in der Gesellschaft beschrieben, die in Beziehungen mit ihrem sozialen Umfeld leben, wobei Störungen, Krankheit und Behinderung in diesen Beziehungen erfahren wird - von den Erkrankten selbst, aber auch von ihren Angehörigen und der sonstigen sozialen Umgebung.

Mit der Einführung der funktionellen Sichtweise beschreibt der Expertenbericht krankheits- und behinderungsbedingte Funktionen und Funktionsausfälle und ordnet die Hilfen zur Behebung, Besserung oder Milderung der Krankheitserscheinungen vier Funktionsbereichen zu, die sich an den Grundbedürfnissen aller Bürger orientieren. (siehe oben)

Bei den Funktionsbereichen handelt es sich um Bereiche, in den eine psychisch kranke Person Hilfebedarf haben könnte.
Diese Gliederung nach Funktionsbereichen soll dazu dienen, den Blick nicht auf einen "relativ starren Katalog von notwendigen Institutionen" zu richten, "sondern sich der wesentlich bedeutsameren Frage (zuzuwenden) ..., ob in einer gegebenen Region alle Hilfen innerhalb eines Funktionsbereiches vollständig angeboten werden ..." (Expertenbericht S. 141).
Dies betrifft die Ebene der regionalen Organisation von Angeboten; auf der Ebene der konkreten Hilfen für den Einzelnen werden mit den Funktionsbereichen "die Ziele deklariert, die in einer bestimmten Situation für den einzelnen psychisch Kranken und Behinderten im Hinblick auf die beizuziehenden Hilfen Vorrang haben.
...regelhaft wird ... der Ablauf des Krankheitsgeschehens durch die Inanspruchnahme von Hilfen aus allen vier Funktionsbereichen in unterschiedlicher Bündelung oder Gewichtung sein." (Expertenbericht S. 139)

Gegenüber diesen expliziten Denkfiguren des Expertenberichtes hat sich die Versorgungsrealität als resistent gezeigt und einen deutlichen Strukturkonservatismus an den Tag gelegt.