Reinhard Peukert:
 
     
   

 

 Gemeindepsychiatrie [3]

 
 

Von der Enquete zum Bericht der Expertenkommission

   

 

   

Auf dem Hintergrund der kurz skizzierten Begriffsgeschichte(n) wird sich zeigen, dass die heutigen Prinzipien von GEMEINDEPSYCHIATRIE einerseits eine Beschränkung, andererseits eine Erweiterung langjähriger Debatten und Entwicklungen repräsentiert, wobei für Deutschland insbesondere der Perspektivenwechsel von der Enquéte (1975) zu den Aussagen des Expertenberichts (1988) von herausragender Bedeutung ist.
In der Enquete wurden als Weg zur Realisierung der vier Hauptempfehlungen

  • die dazu erforderlichen Institutionen beschrieben und aufgezählt,
  • die Prozesse von Koordination und Planung vorgeschlagen,
  • wobei dies jeweils auf ein Standardversorgungsgebiet bezogen wurde.
den Enquete-originaltext lesen Sie hier  

Ein wesentliches Dilemma dieses auf Versorgungsinstitutionen und deren externe Koordinierung ausgerichteten Ansatzes hat Caspar Kulenkampff, der Vorsitzende der Enquete-Kommission und der Expertenkommission, prägnant formuliert:

"...wir (holen) diese Behinderten aus den Krankenhäusern heraus, geben sie ihren Familien zurück, wir siedeln sie in Wohnungen, Wohnheimen, an, versammeln sie in Clubs und Tagesstätten, beraten, behandeln, schützen sie, pflegen mit ihnen sozio-therapeutischen Umgang und möchten alles vorbeugend, nachsorgend, gegebenenfalls intervenierend in noch weitaus gesteigertem und vielfältigerem Umfang tun: - diese ganze Szenerie gibt keine Antwort auf die Frage, wie eigentlich das alltägliche Leben dieser Mitmenschen aussehen soll". (Kulenkampff 1981, S. 8)

Dieser Verweis auf den Lebensalltag und die damit gleichzeitig einhergehende "Erweiterung" der Person vom "Patienten und Klienten von Einrichtungen und Diensten" zu einem "ganzen Menschen" und Bürger wird Orientierungsleitlinie der Expertenkommission, die 1988 ihren Bericht vorlegt.

Dort wird aus dem Patient bzw. Klient ein Bürger mit besonderen Lebensschwierigkeiten, und das konkrete Elend der psychisch kranken Menschen steht im Mittelpunkt - und nicht (wie in der Enquete) die Missstände der institutionalisierten Psychiatrie.


keine Institutionen, sondern Bereiche von Hilfen  

Folgerichtig werden keine Institutionen unter fachpsychiatrischem Gesichtswinkel empfohlen, sondern Bereiche von Hilfen, die jeweils eine Funktion in Richtung auf die Grundbedürfnisse der Bürger beschreiben:

  1. Das Grundbedürfnis auf medizinisch-soziale Grundversorgung: Funktionsbereich Behandlung und Rehabilitation;
  2. Das Grundrecht auf eine angemessene Wohnung: Funktionsbereich Hilfen im Bereich Wohnen;
  3. Das Grundbedürfnis nach sinnvoller Bestätigung, Entfaltung der Persönlichkeit, Teilnahme am beruflichen Leben: Funktionsbereich Hilfen im Arbeitsleben;
  4. Das Grundbedürfnis nach menschlichen Kontakten und Teilhabe an den Rechten: Funktionsbereich Hilfen zur sozialen Teilhabe und Verwirklichung materieller Rechte. (aus: PSU 1/90, S. 16)

Zu den Formulierungen des Expertenberichtes: [weiterführende Informationen]

Daher spricht der Expertenbericht von Funktionsbereichen.
"Abschied genommen wurde endgültig von einem institutionenbezogenen Denken und einer funktionalen Betrachtungsweise der Vorzug gegeben. Es geht primär nicht um Einrichtungstypen, sondern um spezifische Hilfearten, die vornehmlich für die Gruppe der chronisch psychisch Kranken in der Gemeinde vorgehalten werden müssen. Damit wird der grundlegende Perspektivenwechsel von einer bewahrenden zu einer therapeutischen Psychiatrie abschließend fixiert." (Kulenkampff in: APK 27, S. 42)

In der Stellungnahme des Dachverbandes Psychosozialer Hilfsvereinigungen e.V., veröffentlicht im Januar 1999, werden insbesondere jene Aspekte gewürdigt,

  • die "die Teilhabe am bürgerschaftlichen Leben in der kommunalen Gemeinde" zum Thema haben, [ergänzende Information]
  • sowie die unbedingte Verlagerung von Planung und Realisierung in die Zuständigkeit der kommunalen Parlamente (Stadträte und Kreistage); [ergänzende Information]
  • es wird eine "Ethik der regionalen Verantwortung" in den Kommunen gerade für die Patienten hervorgehoben, die als "schwierige" bisher links (d.h. in den Langzeitstationen der Kliniken oder in der Obdachlosigkeit ) liegen gelassen wurden,
  • und in diesem Zusammenhang wird der Versorgungsverpflichtung auch im ambulant-komplementären Bereich große Bedeutung beigemessen. [ergänzende Information]

Die Lektüre der vollständigen Stellungnahme finden Sie hier


kommunale Psychiatrie  

Mit der prägnanten Konturierung wesentlicher Aussagen des Berichtes der Expertenkommission auf die kommunale Verantwortung ist diese Stellungnahme des Dachverbandes ein wesentliches Dokument von Aspekten der Reformbewegung, die zu der Bezeichnung "kommunale Psychiatrie" - neben Demokratischer -, Sozialer -, Gemeindenaher - und Gemeinde-Psychiatrie - geführt hat.

KOMMUNALE PSYCHIATRIE reflektiert die Orientierung auf die besondere Rolle der Bürger einer Region sowie ihrer politischen Gremien für die Verwirklichung von weiteren Reformschritten und Grundauffassungen, die im wesentlichen auch von Sozial- und Gemeindepsychiatrie geteilt werden; damit rückt sie zugleich näher an die Demokratische Psychiatrie heran als die beiden anderen es tun.

Aber auch der Strang der Kommunalen Psychiatrie konnte ein Dilemma nicht lösen, das - bis auf die grundlegenden Reformen in Italien - der Psychiatriereform anhaftet:
deren prekäres Verhältnis zum Sozialstaat und zu den durch ihn bestimmten Systemen der Sozialen Sicherung, die sich immer wieder - und auch heute noch - als wesentliche Grenzen für eine grundlegende Verbesserung der Situation psychisch kranker Menschen in Deutschland erweisen.

Ob Enquete oder Bericht der Expertenkommission:
"Psychiatrie-Reform ist nicht Teil einer umfassenden Krankenversorgungs- oder gar Gesundheitsreform. Auch wenn es streckenweise den Anschein haben mag: die Psychiatrie-Reform ist - zumindest in der Bundesrepublik - primär nicht sozialpolitisch motiviert, sondern humanitär und fachlich." (Finzen 1989)

Enquête und Expertenbericht formulieren aus dieser Perspektive Forderungen:

  • zentrale Auskunftsstellen, um trotz unterschiedlicher Zuständigkeiten einen Zugang zu den Rehabilitationsleistungen zu finden (Enquête, S. 357);
    dies ist heute mit den Servicestellen im SGB IX zumindest gesetzgeberisch realisiert;
  • im Bericht der Expertenkommission werden weitreichendere Forderungen an den Gesetzgeber formuliert (Kapitel E.4, S. 633 ff), von denen u.a. die Führung von Institutsambulanzen an Fachabteilungen von Allgemeinkrankenhäusern inzwischen gesetzlich ermöglicht wurde, aber die häusliche psychiatrische Krankenpflege z.B. ist bis heute nicht bundesweit geregelt.
  • Aber auch mit dem dritten großen Schritt der Psychiatriereform, der weiter unten vorgestellt wird ("Von institutions- zu personenzentrierten Hilfen in der psychiatrischen Versorgung", siehe BMG Band 116) wird die von Finzen beklagte Perspektive der Psychiatrie-Reform nicht verlassen; statt dessen wird das aktuelle Leistungsrecht pragmatisch durchforstet, um es auf seine Tauglichkeit für fachlich ausgewiesene Hilfeleistungen (z.B. Komplexleistungsprogramme für chronisch psychisch kranke Menschen oder für Finanzierungsregelungen im Gemeindepsychiatrischen Verbund) hin zu überprüfen - und die Überprüfung ergibt, daß leistungsrechtlich nur geringfügige Änderungen erforderlich sind (siehe in BMG Band 116, S. 305).
    Die aktuellen Probleme in der Versorgung werden eher in der Leistungsgestaltung gesehen - und hier spielt einige Jahre später der IBRP eine zentrale Rolle!

Das von Finzen beklagte Fehlen einer umfassenden Krankenversorgungs- bzw. Gesundheitsreform kann der Psychiatriereform, d.h. den Akteuren auf den unterschiedlichen Ebenen von Politik und den im Behandlungs- und Betreuungsalltag Handelnden nicht vorgeworfen werden - im Gegenteil:
Der Psychiatrie-Reform ist es mit ihrer primär humanitären und fachlichen Ausrichtung gelungen, einen kontinuierlichen Prozess einzuleiten und aufrecht zu erhalten, der auch in Richtung auf die Sozialpolitik zu kontinuierlichen Verbesserungen geführt hat - wenn auch nicht immer in dem angestrebten Umfang.

Kulenkampff sieht in der gesetzlichen Regelung zur Errichtung von Institutsambulanzen an Fachabteilungen für Allgemeinkrankenhäuser "Ein hübsches Beispiel dafür, dass eine gesundheitspolitisch vernünftige Forderung, geduldig und penetrant weiterverfolgt unter Umständen 20 Jahre benötigt, um schließlich realisiert zu werden" (Kulenkampff in: APK 27, S. 41)

Es ist nicht auszuschließen, daß sich die Psychiatrie-Reform im historischen Rückblick einmal als das herausragende sozialpolitische Reformprojekt herausstellt, und die historische Einschätzung über die heutige Bewertung eines der Väter hinausgeht, der in der Enquete und ihren Folgen "nur" eine Erfolgsgeschichte sieht. (Kulenkampff in: APK 27, S. 43)

Schon heute ist erkennbar, dass der langjährige Prozess gradlinig und zielgerichtet verläuft, wobei sich die Ziele weiter und weiter ausdifferenzieren, Beschränkungen des einen Schrittes thematisiert und mit dem nächsten revidiert werden und das sozialpolitische Umfeld Stückchen für Stückchen verändert wird - ohne die Unterstützung durch eine umfassende radikale Gesundheitsreform.