Reinhard Peukert:
 
     
 

Gemeindepsychiatrie

         
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Der Individuelle Behandlungs- und Rehabilitationsplan (IBRP) ist ein Beitrag, der die gemeindepsychiatrische Versorgung psychisch kranker Menschen weiter verbessern helfen soll.

Man könnte sogar sagen, er ist einerseits ein "Kind" der gemeindepsychiatrischen Wende der Psychiatrie - und andererseits ist heute eine Gemeindepsychiatrie nicht mehr denkbar ohne ein Hilfeplanungsverfahren, das an den individuellen Bedürfnissen der Patienten bzw. Klienten ansetzt und zugleich sicher stellt, dass die Patienten/Klienten auch die vereinbarten Hilfen in ihrem Lebensumfeld erhalten.

   

Mit anderen Worten: Der IBRP ist ein Ergebnis der gemeindepsychiatrischen Entwicklung in Deutschland und er reflektiert zugleich deren aktuellen Stand.

Damit stellt sich einleitendend die Frage:

Was ist Gemeindepsychiatrie? - Eine Auswahl von Merkmalen:

Merkmale der Gemeinde-psychiatrie

 
Gemeindepsychiatrie ist:
  • die Psychiatrie, die in die Gemeinde geht;
  • die Psychiatrie, die ihren Blick und ihre Hilfen für die chronisch und "schwerer" Erkrankten schärft.
  • die Psychiatrie, die ihre Hilfen zu den Menschen bringt, und nicht die Menschen zu zentralen Hilfeinstitutionen.
  • die Psychiatrie, die die Menschen dazu befähigen will, trotz und ggf. mit ihrer Krankheit in ihrem angestammten Lebensumfeld leben zu können.
  • die Psychiatrie, die mit dem sozialen Umfeld (Familien, Nachbarschaft) das Umfeld so gestalten will, dass auch schwerer und chronisch psychisch kranke Menschen dort leben können.
  • die Psychiatrie, welche die Andersartigkeit, die Leiden, Krankheit und Behandlung, manchmal auch angstmachendes Verhalten in die Gemeinde (zurück) bringt.
  • die Psychiatrie, die auch weh tun kann. In der Gemeinde kann "das Gefühl des Alleinseins unter tausend Menschen, das Gefühl und die Erfahrung des Ausgeschlossenwerdens, des Angefeindetwerdens." entstehen. (Schädle 1986, S. 222)
  • die Psychiatrie, die unter den Augen der Öffentlichkeit stattfindet. "Die Psychiatrie muß also in die Gemeinde gehen, in die Straßen und Häuser, wenn sie den Menschen da helfen will, wo es not tut. ... (und) nur wenn die Psychiatrie die sie bergenden und schützenden Mauern verläßt, wird sie auch das Odium des Geheimnisumwitterten verlieren. (Schädle 1986, S. 221)

Dies ist eine Auswahl der Ziele von Gemeindepsychiatrie, deren Realisierung sich allerdings die historisch gewachsene Realität von Versorgung nach wie vor entgegen zu stemmen scheint - die Realität der Institutionen der Hilfen und die Realität der sozialadministrativen sowie sozialrechtlichen Regelungen.


Soziale Psychiatrie
kommunale Psychiatrie
demokratische Psychiatrie

 

 

Die Begriffs- und Entwicklungsgeschichte, die zu "Gemeindepsychiatrie" führte

Der Begriff "Gemeindepsychiatrie" steht in einem gemeinsamen Bedeutungsfeld mit "Sozialer Psychiatrie", "Kommunaler Psychiatrie", "Gemeindenaher Psychiatrie" und "Demokratischer Psychiatrie".

Der Begriff "Demokratische Psychiatrie" wurde in Deutschland nur selten verwendet, wenngleich die Psychiatrie-Reform viele Anstöße von der "Psychiatria Democratica", der großen anti-institutionellen Bewegung in Italien, aufgenommen hat, nachzulesen z.B. bei Kardoff und anderen im vom Keupp und Zaumseil herausgegebenen Band: Die gesellschaftliche Organisation psychischen Leidens; Frankfurt 1978. [Ergänzende Informationen]

In München fand im Oktober 1979 ein dreitägiges Treffen von etwa 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus deutschen und italienischen Einrichtungen statt. [Ergänzende Informationen]

  1. die unvorstellbaren Bedingungen der Psychiatrie (riesige Anstalten, in denen ihrer bürgerlichen Rechte beraubte Menschen zumeist ohne Chancen auf Entlassung "leben" mussten), die an ihre eigene Grenze stießen: die Anstalten wurden immer größer und größer, da immer mehr Menschen eingeschlossen wurden;
  2. eine politische Gesamtsituation, die für grundlegende gesellschaftliche Veränderungen offen war

Auf diesem Hintergrund kam es in Italien:

  1. zu einer Rechtsreform, die den psychisch Kranken ihre Bürgerrechte zurückgab und die Neubelegung der Großkrankenhäuser untersagte.
    Die Versorgung der psychisch kranken Menschen wurde den Großkrankenhäusern entzogen und statt dessen regionalen Diensten übertragen (den CIM, ambulanten regionalen Diensten mit Vollversorgungspflicht) und kleinen stationären Einheiten in Allgemeinkrankenhäusern (S.D.C.: Servici di Diagnosi e Cura, diagnostisch-therapeutische Dienste); dies erfolgte im Jahr 1987 mit dem Gesetz Nr. 180. [Ergänzende Informationen]
  2. zu einer breiten Übernahme von Reformgedanken und -Prozessen, die sich seit ca. 1960 bildeten und in der Gründung der "Psichiatria Democratica" im Jahre 1973 ihre Organisation fanden.

Die wesentlichen Reformbestrebungen, die dann auch für deutsche Psychiatriekritiker relevant wurden waren:

  1. die Abkehr von Krankheitstheorien und statt dessen die unmittelbare Begegnung und Konfrontation mit der Angst und dem Leiden;
  2. um dem Leiden unvoreingenommen begegnen zu können muß es seiner institutionellen Form entkleidet werden - also radikale Abschaffung der Psychiatrischen Kliniken. [Ergänzende Informationen]
  3. erst in der (de-institutionalisierten) Auseinandersetzung mit dem Wahnsinn - kann es zum Erkennen der sozialen Grundlagen und Beeinflussungen des Wahnsinns kommen;
  4. das Vermeiden einseitiger psychiatrischer Interventionen; statt dessen Integration psychiatrischer Hilfen in das Gesamtsystem allgemein-gesellschaftlicher, sozialer und gesundheitsbezogener Aktivitäten und Dienste in der Region;
  5. die Überprüfung des von der Psychiatrie übernommenen gesellschaftlichen Auftrags (Paolo Tranchina) im Sinne eines tendenziellen Durchbrechens der sozialen Funktion des Wahnsinns,
    a.: in der Existenz des Wahnsinns kann sich der Nicht-Wahnsinnige seiner Normalität bestätigen,
    b.: die Existenz der Kliniken enthält eine gesellschatliche Drohgebärde, die auf Normalität konditioniert; [Ergänzende Informationen]
  6. die Mitbestimmung aller Beteiligten, die Aufhebung der strengen Hierarchie innerhalb des Personals und zwischen Personal und Patienten/Klienten. [Ergänzende Informationen]

In der Demokratischen Psychiatrie Italiens gehen (bzw. gingen) eine Einheit ein:

  1. die Veränderung der Beziehungen zwischen den Professionellen und Patienten,
  2. die Beachtung der sozialen Prozesse als entscheidend dafür, wie der Wahnsinn in Erscheinung tritt, und
  3. die konsequente Verlagerung der Versorgung in die Region, vornehmlich ambulant und integriert in die Gesamtversorgung