Die Kunst der konkreten und realistischen Formulierung von Zielen

 
     
   

Die Kunst der konkreten und realistischen Formulierung von Zielen

Der Begriff der "Kunst" macht deutlich, dass dies eine zu übende Fähigkeit ist. Sie ist nur schlecht allein zu üben, eine große Hilfe können die Klienten sein – denn auch sie müssen merken können, wenn das Ziel erreicht ist und welche Teilschritte sie auf dem Weg dahin zu bewältigen haben. Die wichtigste Hilfe aber sind Kollegen und die Kultur der Fallbesprechungen. Je mehr gute und klare Zielvereinbarungen ich geschrieben, gehört und deren Ergebnisse verfolgt habe, umso besser werde ich.

Sehen Sie sich die Videosequenz zum Thema: Ziele konkretisieren an:

Lehr-Video    

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      Wir üben dies jetzt in Schritten mit unserer Beispielklientin Frau Mauer:  
         

Beispiel 

   

Fallbeispiel: Der in der Klinik vereinbarte Wochenplan für Frau Mauer sieht folgendermaßen aus:
Dreimal eine Stunde Gruppentherapie; Angebot von Einzelgesprächen zweimal 30 Minuten pro Woche; dreimal morgens zum Schwimmen gehen; Arbeitstherapie, Belastungserprobung zunächst für eine Woche dreimal 1,5 Stunden, dann auf dreimal drei Stunden steigern.

Teilnahme an der lebenspraktischen Gruppe zweimal nachmittags 1,5 Stunden.

Frau Mauer nimmt an allen Angeboten teil und hält die Termine genau ein. In der Gruppentherapie wirkt sie weiterhin sehr zurückgezogen und still. In der Arbeitstherapie und der lebenspraktischen Gruppe ist sie wesentlich aufgeschlossener. Sie hat dort Freundschaft mit einer älteren Patientin geschlossen. Beide unterstützen sich gegenseitig. Die Stammtischrunde ist durch Entlassung von drei Patienten nicht mehr vorhanden. Frau Mauer hält sich an das Alkoholverbot, raucht aber sehr stark.

Sie lehnt jeden Kontakt zu ihrem letzten Lebensumfeld ab. Das Angebot, dort in Begleitung nach ihrer Habe zu schauen und der Besuch eines Mannes, der jetzt Patient einer anderen Station ist, wurde von ihr zurückgewiesen.
Frau Mauer bemüht sich, mit ihrem Taschengeld auszukommen, aber das starke Rauchen kostet sehr viel Geld.
Die Mitarbeiterin, die die lebenspraktische Gruppe leitet, berichtet, dass Frau Mauer sehr interessiert ist und viel Lob aus der Gruppe für ihre Fähigkeit bekam, aus wenigen einfachen Zutaten eine Mahlzeit herzustellen. Sehr ungewohnt sei ihr längerfristige Finanzplanung.

Der Mitarbeiter aus der Arbeitstherapie berichtet, dass Frau Mauer verschiedene Arbeitserprobungen gemacht habe, sie bemühe sich sehr, benötige aber präzise Anweisungen und sehr viel Zeit.

In der letzten Woche hatte Frau Mauer einen Rückfall: Ein ehemaliger Patient aus der "Stammtischrunde" hatte Alkohol mit auf das Klinikgelände gebracht und die ehemaligen Mitpatienten eingeladen. Auf der Station war dies unbemerkt geblieben. Frau Mauer hatte es selbst angesprochen, nachdem sie den Rückfall in der Selbsthilfegruppe bearbeitet hatte. Erstmals sprach sie davon, dass die Gruppe sie unterstützen solle, ein Besuchsrecht für ihren Sohn zu erreichen.
Vor diesem Hintergrund war sie besonders ärgerlich auf sich selbst wegen ihres Rückfalles.

Frau Mauer möchte entlassen werden. Sie hat von dem Schwiegersohn der befreundeten Mitpatientin ein Angebot: Sie könne eine kleine Dachgeschosswohnung neben der Jugendherberge beziehen. Herr Froh – der Schwiegersohn – und seine Frau sind die Herbergseltern. Die Wohnung ist seit vier Wochen frei und kostet 200 EURO ohne Nebenkosten. Herr und Frau Froh können sich vorstellen, das Frau Mauer stundenweise in der Herbergsküche gegen Entlohnung hilft.
Das Wohnangebot ist unabhängig vom Arbeitsangebot.

 
         

Übung

   

Die folgende Aufgabe ist in 3 Schritten aufgebaut:

Übung zum Übersichtsbogen, Spalte "Zielformulierung"

1. Aufgabe ist, sich auf das Hilfeplangespräch mit Frau Mauer vorzubereiten. Überlegung: "Welche Vorstellungen hätten Sie als Fachkraft für die Ziele von Frau Mauer in den nächsten sechs Monaten?"

Sehr wichtig ist, das Sie dies als "Vorübung" betrachten: in der Realität müssen gerade die Ziele unbedingt mit der Klientin erarbeitet werden. Es ist aber gerade am Beginn der eigenen Berufstätigkeit oder mit einer neuen Klientin / einem neuen Klienten nützlich, sich vorher kurz selbst aufzuschreiben, was den eigenen Standpunkt, die eigene Sichtweise festhält.

Wir beginnen mit der ersten Vorübung:
Was kommen aus ihrer Sicht überhaupt für Ziele für Frau Mauer in Frage?

Bitte notieren Sie sich in Stichworten alles, was Ihnen einfällt.

Im Folgenden versuchen wir weitere Ansatzpunkte für eine inhaltliche Verdichtung zu finden:
Leitstern soll die gewünschte Lebensform sein.
 

 
Übung    

2. Aufgabe:
Schreiben Sie alle Stichpunkte zusammen, die eine inhaltliche Verbindung mit Frau Mauers Ziel "eigene Wohnung" haben. Schon aus der Beschreibung der Situation lassen sich Ziele formulieren.

 
         
     

Zusammen mit neuen Informationen kann sich wieder eine andere Sichtweise ergeben.

Es ist schwierig, eine solches Hin- und Herdenken, das komplexe Abwägen von professionellen und persönlichen Zielen, das Einbeziehen der Zeit und der Möglichkeiten hinzubekommen. Später können Sie es mit Einfärben oder Einkringeln versuchen - wenn Sie es können auch auf dem Computer, sonst einfach so auf Papier.

Weitere Ebenen entstehen, wenn sie die Fähigkeiten und in einem zweiten Schritt die Beeinträchtigungen einbeziehen. Das sind die beiden nächsten Spalten im Übersichtsbogen.

Diese lassen wir jetzt mal aus, zumal das ziemlich schwierig wäre, das für unseren Beispielfall nachzuvollziehen.

Das nächste Hilfsmittel zum "Verdichten" von Zielen ist das Bilden von Rangreihen.

Was steht für den Klienten im Vordergrund, was ist ihm am Wichtigsten, was ist mir selbst wichtig?

Bitte bilden Sie zunächst für sich selbst eine Rangreihe der Ziele für Frau Mauer.

Welches der bisherigen Zielstichpunkte wäre Ihnen am Wichtigsten, welches das zweitwichtigste, welches das drittwichtigste ?

Wenn Ihnen das nicht unmittelbar gelingt , probieren sie das zunächst so, das sie die aus ihrer Sicht wichtigen Ziele auf Karten schreiben und hin und her schieben. Welches Legen gefällt Ihnen am Besten? Das ist ein Hilfsmittel, das sich auch empfiehlt, wenn sie mit Klientinnen oder Klienten versuchen, Ziele zu ordnen . Sie können auch versuchen, Punkte zu vergeben oder kleine Gruppen zu bilden - jeweils immer 2 oder 3 wichtige und weniger wichtige Ziele zu.

Ein neuer Aspekt kommt hinzu: Was ist realistisch in den nächsten 3, 6 oder 12 Monaten zu erreichen? Das Ordnen nach Nah- und Fernzielen ist abhängig von der Ausgangslage: welchen Auftrag haben Sie, wie lange brauchen Beantragung, Veränderungen von Absprachen aus ihrer Kenntnis von Verwaltungsabläufen? Wie schätzen die Klienten ihre Kräfte zur Bewältigung ein?

Nach diesen Verdichtungsprozessen kommt die Kunst der konkreten Formulierung. Es gibt Merkmale, die dabei helfen, Zielformulierungen zu überprüfen:

  1. Stehen die Ziele in einem größeren Kontext? Deshalb ist die Frage nach dem "Leitstern", der gewünschten Lebensform so wichtig, auch wenn dieser Kontext mit der Zielformulierung für die nächsten sechs Monate nur indirekt zu tun haben mag.
  2. Sind die Ziele positiv formuliert? Der Anreiz, sie zu erreichen, ist wichtig. Eine mögliche Frage hierzu lautet: Was wäre Ihnen am liebsten?
  3. Sind die Ziele konkret genug gefasst? Ihr Erreichen muss zu sehen, zu fühlen, zu hören sein. Je konkreter gewünschte Wahrnehmungen einbezogen werden, umso besser kann das Erreichen von Zielen erkannt werden.
  4. Sind die Ziele so beschrieben, dass die Klientin oder der Klient etwas dazu beitragen kann, damit sie erreicht werden?
  5. Passen die Ziele in die Lebenssituation und das soziale Umfeld der Klientin bzw. des Klientin? Passen sie zu den Wertvorstellungen? In wessen Leben wird sich durch das Erreichen von Zielen noch etwas ändern ? Welche Schwierigkeiten können hingenommen werden?
  6. Woran werde ich merken, das ich mein Ziel erreicht habe?

Als Hilfsmittel für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dient das genaue Erinnern von Umständen: Woran habe ich bemerkt, das Frau X mit dem Praktikum zurechtkam? An den Blumen auf dem Küchentisch vielleicht. Auch die Frage, woran Freunde merken könnten, dass es klappt, kann hilfreich sein.

Zielformulierungen, die sich auf Häufigkeiten (z.B. dreimal die Woche die Wohnung verlassen) beziehen, sind hierbei günstig; auch möglichst konkrete Vereinbarungen (etwa einmal in der Woche in der Tagesstätte Kaffee trinken gehen) machen Ziele überprüfbar.

 
         
Übung    

3. Teil der Aufgabe:
Bitte sehen Sie sich jetzt ihre Stichpunktliste noch einmal an. Bitte formulieren sie das aus Ihrer Sicht wichtigste Ziel für die nächsten 6 Monate aus. Dieses sollte der Hintergrund sein, mit dem Sie in ein Gespräch mit Frau Mauer einsteigen würden.

 
         
     

Zielformulierungen sind "an sich" nicht gelungen, sondern sie werden nur in ihrem Kontext verständlich, deshalb habe ich hier auch nur wenige Beispiele genannt.

 
         
Übung    

Bitte ordnen Sie die folgenden Ziele nach Nah- und Fernziel:

Ziel Nahziel Fernziel
Alkoholabstinenz
sich jeden Tag eine Mahlzeit selbst zubereiten
Geld für eine Woche einteilen können
eine Arbeitserprobung im Küchenbereich für 4 Wochen verbindlich durchhalten
 
 
         
     

Ziele mit Klientinnen und Klienten gemeinsam zu formulieren ist ein Prozess, in der Regel werden die aufgeschriebenen Ideen mit jeder Überprüfung des Hilfeplans passender.

Die konkrete Zielformulierung ist erfahrungsgemäß eine der schwierigsten Anforderungen des IBRP. Deshalb schlagen wir bei Gruppen, die Mühe mit der Zielformulierung haben und zu allgemein bleiben vor, dies mit Hilfe folgender Methode im nächsten Kapitel zu üben.

 
   

 

 
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