Einführung

 
     
   

Die ersten Schritte der Hilfeplanung

Mit den ersten Schritten der Hilfeplanung ist gemeint:

  • die Nutzung des Anamnesebogens bzw. Integration anderer Anamnesebögen,
  • das Feststellen oder gemeinsame Herausfinden der gewünschten Lebensform,
  • die Zusammenfassung der Problemlage,
  • die Formulierung von Zielen,
  • die Einschätzung von Fähigkeiten und
  • die Einschätzung von Beeinträchtigungen.
     

Wir schlagen vor, zunächst die Bögen an jeweils unterschiedlichen Beispielen zu bearbeiten. Äußerst hilfreich ist es, wenn Sie sich auf folgende Rolle bei der Bearbeitung der Bögen einstimmen:
"Ich bin eine Fachkraft in einer Beratungsstelle. Zu mir können alle psychisch kranken oder seelisch behinderten Menschen der Region kommen, um herauszufinden, welche Hilfen Sie benötigen um so leben zu können, wie sie möchten. Selbstverständlich müssen die Klientinnen und Klienten mit beteiligt werden, aber es macht auch Sinn, die Informationen, die ich als Fachkraft habe, für mich zu ordnen und Hilfeplangespräche vorzubereiten."

Sie werden im Folgenden immer wieder aufgefordert, etwas aufzuschreiben oder Notizen zu ordnen. Grundsätzlich sollten ihre Notizen

  • möglichst konkret und nachvollziehbar formuliert sein,
  • möglichst eindeutig zugeordnet sein, d.h. tatsächlich eine 0 eintragen, wenn das Item nicht zutrifft oder nicht notwendig ist.

Der IBRP und die Hilfsmittel sind keine Bögen zum "Abhaken". Es ist nötig, sie auch kreativ zu nutzen; begründetes Hinzufügen und Weglassen ist erwünscht und möglich.
Die Bögen sind Hilfsmittel, um im Sinne einer subjektorientierten und personenbezogenen Haltung die Frage nach dem persönlichen Hilfebedarf und darauf aufbauender, mit allen Beteiligten abgestimmten Hilfeplanung beantworten zu können.
Der IBRP soll das personenbezogene Verhandeln fördern und dafür eine systematische Grundlage geben.

Bitte öffnen Sie sich zunächst den Anamnesebogen. Wenn es ihnen unvertraut ist, einen so komplexen Bogen sich auf dem Bildschirm anzusehen, drucken Sie ihn jetzt aus und sehen Sie sich diesen Bogen in der Papierform an.

Falls Sie bereits Mitarbeiterin / Mitarbeiter einer psychiatrischen Einrichtung sind, vergleichen sie den dort verwendeten Bogen mit dem hier Vorgeschlagenen. In weiten Teilen werden die hier nachgefragten Informationen identisch sein. Markieren Sie sich in unserem Vorschlag, welche Fragen für Sie neu sind.

Bitte lesen Sie sich den folgenden Beispielfall durch:
 

 
Beispielfall    

Beispielfall: Frau Mauer wird nachts von der Polizei in die psychiatrische Klinik gebracht, nachdem das Städtische Krankenhaus die Aufnahme verweigert hat. Sie gilt dort nach mehreren Aufnahmen als "hoffnungsloser" Fall, akute Lebensgefahr liegt nach Einschätzung des aufnehmenden Arztes im Allgemeinkrankenhaus nicht vor. Frau Mauer hat Prellungen am ganzen Körper und Schnittwunden an den Handgelenken und Unterarmen. Ihr körperlicher Zustand ist schlecht, sie ist abgemagert, hat alte Schnittnarben an Armen und Händen, sie wirkt ungepflegt und riecht stark nach Alkohol.

Frau Mauer wirkt verschlossen und verstört, sie spricht kaum, ist aber zeitlich und örtlich orientiert. Sie macht folgende Angaben:
Name: Helga Mauer, 28 Jahre. Wohnort: keiner. Zuletzt hat sie auf einem wilden Campingplatz am Stadtrand wechselnd bei verschiedenen Bekannten übernachtet. Sie hat keine Papiere, keine persönliche Habe und ist mittellos. Sie besitzt nur die Kleidung, die sie trägt; diese ist für die Witterung zu dünn, abgetragen und sehr verschmutzt.

Frau Mauer lässt sich freiwillig stationär aufnehmen. Sie ist ärztlich untersucht worden, weitergehende Planungen wurden zurückgestellt. Im Team wurde eine Bezugstherapeutin festgelegt. Diese hat mit Frau Mauer Kontakt aufgenommen und für den nächsten Tag ein längeres Gespräch verabredet.

Frau Mauer ist vom Krankenhaus mit Kleidung und Waschzeug versorgt worden. Sie hat die ersten beiden Tage fast ausschließlich geschlafen, viel gegessen und weder mit Mitarbeitern noch mit Mitpatienten mehr als das Nötigste gesprochen.

Folgende Informationen haben sich bei Nachfragen von Mitarbeitern ergeben:
Sie ist in verschiedenen Heimen aufgewachsen und zweimal in Pflegefamilien gewesen. Mit 18 lernte sie ihren ehemaligen Mann kennen und heiratete ihn, als sie schwanger war. Nach fünf Jahren Ehe folgte Scheidung auf Betreiben des Ehemannes, der dann das Sorgerecht für den Sohn gerichtlich zugesprochen bekam und jeden Kontakt von Frau Mauer zu ihm und dem Sohn ablehnt.

Nach der Scheidung war sie wohnungslos und hatte verstärkte Alkoholprobleme. Eine Berufsausbildung hat Frau Mauer nicht, sie hat manchmal gejobbt, aber in der letzten Zeit nicht mehr.

 
         
Übung  

Bitte versuchen Sie jetzt, die Informationen aus dem Beispieltext in den Anamnesebogen einzutragen.

In einem zweiten Schritt formulieren Sie bitte, welche Informationen sie in einem Gespräch mit Frau Mauer noch erfragen müssten (als Liste der Angaben formulieren, am schnellsten geht das mit den Ziffern).

 
         
     

Weitere Informationen zu Frau Mauer: Frau Maurer lebte in den ersten drei Lebensjahren bei Mutter und Großmutter; über den Vater ist nichts bekannt. Die Mutter arbeitete bei einer Reinigungsfirma, abends half sie oft in einer Gaststätte. Frau Mauer berichtet, das die Mutter stark getrunken habe. Die Großmutter habe sie versorgt, sehr gemocht und habe sie verwöhnt.

Nach dem Tod der Großmutter kam sie in ein Kinderheim, da die Mutter mit der Versorgung des Kindes überfordert war. Als 6-jährige nahm sie eine Pflegefamilie auf, nach dem plötzlichen Tod des Pflegevaters aber musste sie wieder zurück ins Heim.

Mit elf Jahren erfolgte wieder ein Wechsel in eine Pflegefamilie, die eine etwas jüngere eigene Tochter hatte. Es gab sehr viele Schwierigkeiten. Frau Mauer fühlte sich zurückgesetzt, die Pflegemutter klagte über störrisches Verhalten und fehlende Mithilfe. Nach sechs Monaten kam sie ins Heim zurück und blieb dort bis zum 18. Lebensjahr.

Frau Mauer besuchte eine staatliche Schule bis zum Hauptschulabschluss. Sie war keine gute Schülerin und hatte wenig Kontakte in der Klasse und zu den Lehrern. Nach dem Schulabschluss begann sie eine Lehre im Einzelhandel, die sie auf Grund der Schwangerschaft abbrach.

Während ihrer Ehe und auch nach der Scheidung übernahm sie stundenweise Aushilfstätigkeiten, zeitweilig auch in einer Fabrik. Diese Beschäftigungsverhältnisse wechselten jedoch häufig, im letzten Jahr hatte sie gar keine Arbeit.

Frau Mauer berichtet, das die Ehe sehr schwierig gewesen sei. Sie habe es ihrem Mann und der bei ihnen lebenden Schwiegermutter nicht recht machen können. Den kleinen Sohn habe man ihr immer mehr entfremdet. Sie habe dann häufig Alkohol getrunken und sich auch öfter selbst verletzt. Nach fünf Jahren habe der Mann die Scheidung eingereicht und das Sorgerecht bekommen. Er sei inzwischen wieder verheiratet und habe zwei weitere Kinder.

Zur Mutter von Frau Mauer besteht seit Jahren keinerlei Kontakt.

Vorgeschichte der Erkrankung: Nach dem Tod der Großmutter fühlte sich Frau Mauer einsam und verlassen. Sie zog sich immer mehr zurück, war oft traurig und konnte sich im Kinderheim nicht einleben. In dieser Zeit dachte sie oft, dass sie auch lieber tot wäre, wie die Großmutter.

In den folgenden Jahren wuchs ihre innere Überzeugung, niemand könnte sie gern haben, sie sei wertlos und überflüssig.

Schon im Heim kam es bei seelischen Belastungen zu selbstverletzendem Verhalten, das sie aber zu verheimlichen suchte. In der Ehe wurde dieses Verhalten sehr viel stärker, oft in Verbindung mit Alkohol. Frau Mauer war mehrmals zur Wundversorgung in der Ambulanz des Städtischen Krankenhauses, wurde aber in der letzten Zeit wegen ihrer "Alkoholfahne" wieder weggeschickt.

In den letzten Monaten vor ihrer Einweisung war Frau Mauer fast ständig betrunken. Sie lebte bei verschiedenen Männern, wurde häufig geschlagen und verlor ihre letzte Habe.

Inzwischen ist sie seit drei Wochen auf der psychiatrischen Station. Sie hat sich körperlich erholt, nach der Entgiftung hat sie sich strikt an das Alkoholverbot gehalten. Sie besucht eine Selbsthilfegruppe von außerhalb, die sich zweimal in der Woche in der Klinik trifft.

Durch die Bekleidungsbeihilfe und einen Besuch in der Kleiderkammer des DRK hat Frau Mauer wieder ausreichend Kleider, der Einkauf mit dem Geld der Sozialhilfe hat ihr großen Spaß gemacht.

Im Stationsalltag ist sie sehr unauffällig, sie nimmt an therapeutischen Aktivitäten teil, wirkt aber immer sehr still und zurückgezogen. In der Gruppentherapie äußert sie sich nie ohne direkte Ansprache. Spaß macht ihr das Sportangebot – sei geht dreimal in der Woche morgens zum Schwimmen. An diesen Tagen fällt ihr das Aufstehen leicht.

In den freien Zeiten sitzt Frau Mauer mit einigen Männern der Station an einem kleinen Tisch im Flur. Es wird viel geraucht und Kaffee getrunken. Die andern Patienten nennen diese Gruppe den "Stammtisch".

Aus den Gesprächen mit ihr ist deutlich, dass Sie bisher sich immer ängstlich bemüht hat, den Anforderungen von Mitarbeitern ( z.B. des Heimes, der medizinischen Ambulanz) im direkten Kontakt nachzukommen und allem zustimmt. Wenn Sie selbst andere Vorstellungen hat oder sich nicht so verhalten kann, spricht sie das nicht an, sondern wartet ab, ob sie indirekt „irgendwie“ klar kommt, eigene Interessen unterbringen kann. Sie würde niemals selbst etwas ansprechen, sondern sich eher zurückziehen.

 
     

 
Mit dieser Übung machen sie sich schnell mit dem Anamnesebogen vertraut.

Wenn Sie einen anderen Bogen/ ein anderes Dokumentationssystem in ihrer Einrichtung / ihrem Dienst nutzen:

Bitte überprüfen Sie, ob darin die persönlichen Daten zur allgemeinen Situation und zur Ausbildung und Berufstätigkeit auch dokumentiert werden können.

Besonders wichtig für das weitere Hilfeplanverfahren ist, dass Sie mit ihrer Klientin/ ihrem Klienten über die Erfahrungen mit bisherigen Hilfen ins Gespräch kommen und dies auch dokumentieren können.

Wenn Sie eine Hilfeplanung mit einer Ihnen schon länger bekannten Klientin beginnen: es ist wichtig, sich die Basisinformationen aus dem Bogen D zur „vergegenwärtigen“.

Bei neuen Klientinnen/Klienten muss nicht „alles“ im Anamnesebogen schon ausgefüllt sein, bevor Sie mit der Hilfeplanung beginnen – sie haben in den folgenden Hilfeplangesprächen Zeit, das Eine oder Andere zu ergänzen.

 
       
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